Familienunternehmen und Ihre Hausbank

Ein besonderes Verhältnis

Interview mit Stefan Blaukat, Bereichsleitung Firmenkunden der Volksbank eG und Prof. Dr. Christoph Kolbeck, HAWK Professur für Familienunternehmen

Etwa 90% aller Unternehmen in Deutschland sind Familienunternehmen. Dennoch messen Berater und Forscher der Unternehmerfamilie oft nicht eine angemessen Rolle zu. Das ist besonders im Fall eines anstehenden Generationswechsels fatal. Prof. Dr. Christoph Kolbeck, Professor für Familienunternehmen an der HAWK in Hildesheim, widmet sich in seiner Arbeit den anstehenden Fragen und Fallstricken rund um die Unternehmensnachfolge.

Die Volksbank Hildesheim eG treibt in ihrem Wirtschaftsraum das Thema der erfolgreichen Unternehmensnachfolge auf vielfältige Weise an. Die Planung der Unternehmensnachfolge ist integraler Bestandteil des jährlichen UnternehmerDialogs zwischen dem Unternehmer und seinem Firmenkundenberater. Daneben beteiligt sich das Institut an der Initiative der HI-REG „Fit für die Zukunft“, in deren Rahmen Unternehmerinnen und Unternehmern kostenlose Fachvorträge und wertvolle Informationen erhalten.

Darüber hinaus riefen die HAWK und die Volksbank Hildesheim eG Anfang 2014 gemeinsam das Kompetenzzentrum für Familienunternehmen ins Leben, welches zur Unterstützung der Familienunternehmen in der Region forscht, publiziert und Veranstaltungen organisiert und damit eine einzigartige Verzahnung von praktischem und theoretischem Wissen gewährleistet.

Im November 2014 ist die aktuelle Publikation von Prof. Dr. Christoph Kolbeck „Einflussfaktoren auf die Nachfolge in Familienunternehmen“ in der EQUA-Schriftenreihe erschienen. Der Sammelband stellt konkrete Fallbeispiele sowie die Ergebnisse seiner Studie „Determinanten der Nachfolge in Familienunternehmen“ aus dem Jahr 2013 vor, an der sich deutschlandweit über 250 Familienunternehmen beteiligten.

Anlässlich dieser Veröffentlichung sprechen Stefan Blaukat, Bereichsleitung Firmenkunden Volksbank Hildesheim eG und Prof. Dr, Christoph Kolbeck, HAWK Professur für Familienunternehmen, über die besondere Rolle der Hausbank im Nachfolgeprozess:

„Die Kompetenz der Banken im Bereich Unternehmensnachfolge wird häufig unterschätzt.“

Prof. Dr. Kolbeck, warum hat die Nachfolge in der Familienunternehmens-Forschung einen solchen Stellenwert?

Kolbeck: Nachfolge ist ein ganz zentrales Thema in der Familienunternehmens-Forschung, denn es wird  immer schwieriger, das Familienunternehmen in späteren Generationen am Leben zu erhalten. Der Anteil der Familienunternehmen, die es in die dritte Generation schaffen liegt schon im Promillebereich. Durch die enge Verzahnung von Unternehmen und Familie gibt es systembedingt Konfliktpotentiale, selbst wenn das Unternehmen solide aufgestellt ist. Unsere Forschung schaut daher darauf, was Familienunternehmen besser machen können.

 

Was hat die Hausbank eines Unternehmens mit dessen Generationswechsel zu tun?

Blaukat: Leider noch viel zu wenig. Die Familienunternehmen sprechen uns als Hausbank in allen Finanzfragen sehr gerne an, aber die Übergabe des Unternehmens stimmen sie eher mit dem langjährigen Anwalt, dem Steuerberater oder Freunden ab. Die Kompetenz der Banken in diesem Bereich wird aber unterschätzt. Dabei sehen wir es als unsere partnerschaftliche Aufgabe an, die Unternehmen auch in dieser Phase zu begleiten. Deshalb haben wir hier stark in fachliche Qualifikation investiert. Alle Firmenkundenbetreuer verfügen über das erforderliche Basiswissen und in der genossenschaftlichen Finanzgruppe verfügen wir über Expertise in jedem denkbaren Spezialfall. Denn eines ist sicher: In der Nachfolgefrage braucht es Expertenrat. Denn gibt es bei uns - auf kurzem Weg. Und das wissen gerade Familienunternehmer sehr schätzen.

Was sind die Erwartunges des Familienunternehmens an die Hausbank - und umgekehrt?

Blaukat: Familienunternehmen wünschen wie gesagt kurze Wege, Fairness und Transparenz. Das Bild des ehrenwerten Kaufmanns ist in der DNA von Familienunternehmen fest verwurzelt. Ein Familienunternehmer hat zu Recht kein Verständnis dafür, wenn nicht offen und transparent über Leistungen und Preise gesprochen wird. Die Familienunternehmen erwarten von uns als Bank den gleichen Ehren- und Wertekodex, den sie selbst leben. Und da haben wir als Genossenschaftsbank nicht nur eine große Schnittmenge sondern eine vollständige Übereinstimmung.

Wir als Bank erbitten uns von den Familienunternehmen vor allem Vertrauen. Vertrauen bekommt man nicht geschenkt, dafür muss man hart arbeiten und es in einer langjährigen Kundenbeziehung aufbauen. Wenn ein Familienunternehmer uns dieses Vertrauen schenkt, können wir einfach mehr für ihn tun, sei es für seine unternehmerische als auch für seine private Bilanz. Ich würde mir im Fall einer Nachfolge daher wünschen, in den strategischen Austausch mit eingebunden werden. Und im Gegensatz zu vielen teuren Unternehmensberatern gilt: Unser Rat ist unsere Investition in eine gemeinsame Zukunft, er kostet nichts!

Und wir erwarten, dass die Unternehmen aktiv werden. Das ist auch das Ziel der aktuellen „Roadshow“ im ganzen Landkreis zum Thema Unternehmensnachfolge „Fit für die Zukunft“. Dort treten wir auch nicht als Vertreter unserer Bank, sondern beantworten völlig unabhängig von eigenen wirtschaftlichen Interessen Fragen und geben – so hoffe ich – wertvollen Input, wir man das Thema Nachfolge intelligent angeht. Das liegt uns wirklich sehr am Herzen und daher sind wir absolut zufrieden über die große Resonanz. Nur wenn Unternehmen diesen Schritt rechtzeitig tun, bleiben das Unternehmen als auch die Arbeitsplätze der Region erhalten. Das schafft Wohlstand für alle, das ist unsere Kernaufgabe.

 

Kolbeck: Es gibt unterschiedliche Nachfolgemodelle. Bei der klassischen „Thronfolge“ wird ein Kind sowohl Gesellschafter als auch Geschäftsführer. Dieses Modell nimmt immer mehr ab. Häufig gibt es nun einen Fremdgeschäftsführer und mehrere Familienmitglieder als Gesellschafter im Unternehmen. Die Entscheidungsgewalt liegt also bei mehreren. Beobachten Sie das unter Ihren Kunden ebenfalls?

Blaukat: Das Motto „der Älteste übernimmt alles“ kommt zwar weiterhin vor, ist aber nicht mehr die Regel. Bei der jetzt übergebenden Generation hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es wenig bringt, den Nachfolger zu seinem „Glück zu zwingen“. Die Kinder einer Unternehmerfamilie erleben ihre Eltern ja täglich im Umgang mit ihrem Unternehmen, auch, wenn sie sonntags bis zum Mittagsbraten noch schnell vier Stunden in der Firma verbringen. Das sind Lebensmodelle, die nicht jeder für sich persönlich verwirklichen möchte. Stichwort „Work-Life-Balance“.

Dennoch ist die familieninterne Nachfolge nach wie vor das bevorzugte Ziel. Denn fragt man einen Unternehmer, wünscht es sich zumeist, dass seine Kinder das Lebenswerk fortsetzen. Wenn sich aber abzeichnet, das dies nicht funktioniert, muss früh – also idealerweise 5-6 Jahre vor der eigentlichen Übergabe – nach Alternativen gesucht werden. Je später man mit der Nachfolgersuche anfängt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass (Unternehmens)-Werte vernichtet werden.

Für uns als Hausbank ist eine frühzeitige Einbindung in den Nachfolgeprozess auch deshalb so wichtig, damit wir zu dem potentiellen internen oder externen Nachfolger ein Vertrauensverhältnis aufbauen und ihn in der neuen Phase begleiten können.

Welche Fragen zur Unternehmensnachfolge kommen immer wieder?

Kolbeck: Sehr oft werde ich gefragt „Wie lange dauert die Übergabe denn?“ Viele gehen von  zwei bis drei Jahren aus, aber realistisch betrachtet müssen die Ausbildungszeit der Nachfolgerin oder des Nachfolgers, das Sammeln von Erfahrungen in anderen Unternehmen und dann die Übergangszeit mitgezählt werden.

Wie sieht konkret die Übergabe aus?“ Hier ist ganz zentral, ob der Senior auch loslassen kann. Die Lösungen sind ganz individuell. Für manche ist es ein großer Gewinn, wenn der Vater noch im Unternehmen weiterarbeitet, für andere führt das zu bedrohlichen Konflikten und Loyalitätsschwierigkeiten für die Belegschaft.

Eine heikle Frage ist auch „Wie gehe ich mit den Kindern um, die nicht zum Zuge kommen?“ Dieser Gerechtigkeitsgedanke treibt viele Familienunternehmer samt Ehepartner um. Auch da gibt es keine Pauschallösungen. Ein Unternehmen kann, anders als Immobilienbesitz, seinen Wert innerhalb weniger Jahre vervielfachen oder auch verlieren. Womit lässt sich das aufwiegen? Die gerechte Verteilung unter den Geschwistern ist ein sehr häufiges Konfliktthema innerhalb der Familie. Hier ist es hilfreich, wenn von Anfang an eine neutrale Beratung in Anspruch genommen wird.

Blaukat: Wenn keine Nachfolge innerhalb der Familie geplant ist, kommt als erstes die Frage, „Was glauben Sie, ist mein Unternehmen wert?

Das hängt von mehreren Indikatoren ab. Natürlich gibt es z.B. das „Stuttgarter Verfahren“ zur Wertermittlung, das ist aber rein rechnerisch. Es geht um den Markt. Nämlich darum, ob es überhaupt Interessenten für das Unternehmen gibt.

Besonders kompliziert wird die Kaufpreisfindung, wenn der Unternehmer „alle Eier in einen Korb gelegt hat“ und sein vermeintliches Vermögen nur der Betrieb darstellt.

Häufig herrscht der Irrglaube vor: „Ich habe 40 Jahre lang jeden Tag 14 Stunden für dieses Unternehmen gearbeitet, dann muss es doch sehr viel wert sein, das ist meine Altersvorsorge.“

Leider gibt es viele Beispiele, bei denen Unternehmer in eine prekäre wirtschaftliche Situation geraten, weil ihr Unternehmen eben nicht verkäuflich war oder nur zu einem geringen Preis. So hat ein Unternehmer in Süddeutschland statt Millionen – die er auch investiert hat - für sein Autohaus zu bekommen, nur einen Zehnjahresmietvertrag für das Gebäude mit seinem Nachfolger aushandeln können. Der Kaufpreis: Null Euro.

Manchmal ist auch der Unternehmer persönlich mit seinen Kontakten für einen Großteil der Umsätze verantwortlich. Scheidet er im Rahmen der Übergabe dann aus, sinkt der Wert des Unternehmens immens.

Hier ist es unsere Aufgabe respektvoll und behutsam aber auch ehrlich und frühzeitig auf diese Risiken hinzuweisen, um spätere Enttäuschungen oder gar finanziellen Schieflagen zu vermeiden. Auch hier sind wir sehr viel stärker Unternehmensberater als nur reine „Bankvertriebler“.

„Die Problematik ‚ungeregelte Nachfolge‘ hat Einfluss auf das Rating.“

Kolbeck: Die geregelte Nachfolge spielt auch in den Eigenkapitalvorschriften der Bankenaufsicht Basel II eine wichtige Rolle. Erhält ein Unternehmen bessere Zinskonditionen, wenn die Nachfolge geregelt ist?

Blaukat: Basel II gibt uns Leitlinien für das Rating eines Unternehmens vor. Eine geregelte Nachfolge hat, wie alle anderen sogenannten „unversicherbaren“ Risiken, Einfluss auf das qualitative Ratingergebnis. Wenn im jährlichen UnternehmerDialog wiederholt die Problematik „ungeregelte Nachfolge“ angesprochen wird und der Unternehmer nicht aktiv wird, sind wir natürlich verpflichtet, dies im Rating zu berücksichtigen. Als Konsequenz führt dies manchmal auch zu schlechteren Konditionen. Die Beschäftigung mit der Thematik spart also auch schon weit vor der Übergabe bares Geld.

Kolbeck: Viele Familienunternehmen sind sogenannte Hidden Champions, also in ihrer Nische sehr gut aufgestellt, vielleicht sogar Weltmarktführer. Dafür gibt es viele Beispiele in Niedersachsen. Man hört von den Familienunternehmen, dass  Banken häufig Schwierigkeiten haben, diese richtig einzuschätzen. Wenn ein Unternehmen nun in einer  Branche arbeitet, die pauschal Abschläge bekommt, das Unternehmen in seinem Bereich aber sehr gut aufgestellt ist, dann ist das schwierig. Wie ist da die Praxis  bei der Volksbank?

Blaukat: Als regionales Institut brauchen wir keine Branchenportfoliosteuerung wir manche Großbanken. Warum? Wir betrachten jedes Unternehmen individuell. Natürlich gibt es Branchen, die konjunkturell in einer schwierigen Situation sind, aber das ist nur ein Teilaspekt in der Unternehmensbeurteilung und es ist eine Sache von Fairness und Transparenz gerade ein solches Unternehmen nach seiner Strategie zu fragen. Es kann aber durchaus sein, dass gerade dieses Unternehmen eine attraktive Nische in einem schwierigen Markt gefunden hat und dort sogar Weltmarktführer ist. Das ist dann eine wunderbare Leistung. Und ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, dass wir auch und gerne diese außergewöhnlichen Firmen zu unseren Kunden zählen dürfen.

„Familienunternehmen erkennen die Chancen nicht, die sie aktuell hätten.“

Kolbeck: Die aktuelle Zinsstruktur ist für Banken eine Herausforderung. Welche Folgen hat sie für die Familienunternehmen?

Blaukat: Wir haben aktuell die außergewöhnliche Situation, dass die Zinsen so niedrig sind, dass andere Banken schon Negativzinsen einführen. Es ist ein Paradoxon: Unternehmen können zurzeit mit einem vernachlässigbaren Zinsaufwand investieren. Dieser ist aktuell kein relevanter Faktor in der Kalkulation einer Investition. Trotzdem gibt es eine deutliche Investitionszurückhaltung bei den Familienunternehmen.

Kolbeck: Aufgrund der aktuellen Zinssituation wäre es eigentlich logisch, zu investieren, Familienunternehmen tun dies aber nicht, weil …?

Blaukat: … weil eine wirtschaftliche Unsicherheit da ist. Die aktuelle Gestaltung der Zinslandschaft passt nicht zu unserer Konjunktur und nicht zur Einschätzung der Unternehmer. Der Unternehmer sagt sich: „Eigentlich läuft alles gut, eigentlich müssten wir höher Zinsen haben, aber irgendetwas stimmt nicht.“ Das ist ein Gefühl der latenten Unsicherheit. Das kann man kaum greifen. Die Herausforderung ist es, ein wirtschaftspolitisches Klima zu schaffen, in welchem die Unternehmer wieder Bereit sind auch, in die Zukunft zu investieren.

Kolbeck: Die Frage ist, warum sind Familienunternehmen besonders empfänglich für dieses latente Gefühl?

Blaukat: Die Familienunternehmen denken in anderen zeitlichen Dimensionen. Ein Zeitraum von 10, 20 oder 30 Jahren ist schwerer planbar. Da muss auch das „Bauchgefühl“ eine größere Rolle spielen. Ein angestellter Fremdmanager dagegen entscheidet nach reinen Zahlen und kurzfristigen Renditeüberlegungen. Familienunternehmen sind zurückhaltender wenn sie das Gefühl haben, dass etwas „in der Luft liegt“. Dadurch werden manche Chancen nicht genutzt. Auf der anderen Seite ist genau dieses Feingefühl vielleicht der Grund dafür, warum Familienunternehmen 150 Jahre oder älter werden.

Kolbeck: Ein neues Forschungsthema!

Die Publikation ist im Handel erhältlich:
Christoph Kolbeck/ Stephanie Rabbe/ Catharina Haas (Hrsg.): Einflussfaktoren auf die Nachfolge in Familienunternehmen, EQUA-Schriftenreihe Heft 15/2014, Verlag: Unternehmer Medien GmbH, Bonn 2014, 78 Seiten, ISBN 978-3-937960-24-1, Preis: EUR 20,00